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Es ist für jemanden schwer, die volle Bedeutung zu erfassen, der das Prinzip nicht an sich selber praktisch in Anwendung erfahren hat...

Professor John Dewey, Philosoph, Erzieher und Autor

Die Alexander Technik und die Macht der Gewohnheit

Wer mit der Alexander Technik arbeitet, kommt bald zu der Einsicht, daß fast alles, was er tut, unter der Macht der Gewohnheit steht. Sich dieser Macht bewußt zu werden, in jeder Lebenssituation und bei jeder Bewegung, ist die erste Aufgabe der Alexander Technik.

Aber was ist das, die Macht der Gewohnheit? Ein Großteil unseres Lebens, kann man sagen, ist beherrscht von Erziehungsmustern und Denkgewohnheiten. Was wir als Kinder lernen, was wir kennen und womit wir vertraut sind, wiederholen wir ohne bewusstes Zutun unser ganzes Leben. Wer schon als Kind gewohnt ist, mit dem Kopf zu arbeiten, wird automatisch ein intellektueller Mensch. Wer sich früh an körperliches Arbeiten gewöhnt, wird fast zwangsläufig zum Arbeiter. Dabei sind wir abhängig von der Kultur, in der wir aufwachsen. Sie prägt unsere Denk- und Handlungsweisen mit den dazugehörigen Vorurteilen. Zivilisation, kann man sagen, ist immer ein System von Gewohnheitsmustern und Vorurteilen.

Die Macht der Gewohnheit ist für unser alltägliches Funktionieren und Überleben absolut notwendig. Gleichzeitig bezahlen wir für sie einen hohen Preis. Denn sobald sich das Leben verändert – was ständig geschieht – finden wir es schwer oder gar unmöglich, unsere eingespielten Verhaltensmuster ebenfalls zu ändern. Unsere Angewohnheiten stehen uns ständig im Weg. Sie beherrschen unsere Wahrnehmung der Welt, stören oder verhindern den klaren Blick auf die „Wirklichkeit“. Diese wird zu etwas Unerreichbaren, von uns selbst durch einen Abgrund getrennt. Auch dort, wo es notwendig ist, sind wir oft nicht in der Lage uns zu ändern. Wir leben nur einen Teil unserer Möglichkeiten. Wir leben auf einer aus Gewohnheiten gebildeten Insel. Mit dem Ganzen treten wir nicht in Kontakt.

F.M. Alexander, der Begründer der Alexander-Technik, kam zu der Einsicht, daß dieses grundsätzliche Getrenntsein von der Wirklichkeit in unserer Existenz begründet liegt. Zuallererst zeigt es sich in der Art und Weise, wie wir von uns selbst Gebrauch machen. Hier (in unserem Selbstverständnis und Selbstgebrauch) liegt die Ursache der Trennung von Körper und Geist. Zwar sind Körper und Geist, wie Alexander feststellt, an allem was wir tun, beteiligt. Wir haben uns jedoch angewöhnt, beide Anteile voneinander zu trennen, und das auch noch, ohne es selbst zu bemerken. Aufgrund dieser Gewohnheit ist es uns unmöglich zu erkennen, wie wir uns tatsächlich gebrauchen.

Seit er denken kann, stellt sich der Mensch in unterschiedlicher Weise die Frage nach der Macht der Gewohnheit. Immer wieder hat er nach einem Weg gesucht, der ihn aus seinen engen Gewohnheitsmustern und beschränkten Sichtweisen herausführt, zu mehr Offenheit und Weite, im ständiger Kampf mit den Grenzen, die das vertraute Denken ihm auferlegt.

Alexanders Entdeckungen sind weitere Schritte auf diesem Weg. Ein Student der Alexander-Technik, der die Verbindung zwischen Körper und Gedankenwelt erforscht, der das lernt, was Alexander „bewusste Kontrolle“ nannte, wird schrittweise in die Lage versetzt, sich als ein Ganzes zu erfahren.

Die Trennung von Körper und Geist, die wir aus langer Gewohnheit in uns selbst herstellen, ist Ursache vieler Behinderungen und Krankheiten. Gelingt es uns aber, Körper und Geist wieder miteinander zu verbinden, hat das positive Auswirkungen auf unsere Gesundheit und unsere gesamte Lebensqualität.

Nicht-Tun

Der Zustand des „Nicht-Tuns“ im Selbsterleben gleicht dem „Leerlauf“ beim Autofahren. Ohne Auskupplung des Getriebes, ohne Leerlauf, kann man nicht in einen anderen Gang schalten. Die Funktionalität und Beweglichkeit des Autos wäre ohne diese Schaltmöglichkeit erheblich beeinträchtigt. So beschränkt, wie wir gewöhnlich von unseren Möglichkeiten Gebrauch machen, gleichen die meisten von uns einem Auto, das nur einen einzigen Gang benutzt. Erlernen wir das „Nicht-Tun“, schaffen wir uns zunehmend Raum für den „gelassenen Zustand“ unseres Körpers und erweitern damit unsere Beweglichkeit.

Im „Nicht-Tun“ reduzieren wir unsere gewöhnliche Spannung auf ein Minimum. Wir erleben und erforschen dabei das, was wir vorfinden, das, was einfach da ist und existiert, die grundlegende Kraft unseres Lebens, die sich auf diese Weise frei und natürlich entfalten kann.

Alexander-Technik und Gesundheit

Allein dadurch, daß wir im täglichen Umgang mit uns selbst die Macht der Gewohnheit schwächen, ihren Einfluß reduzieren, und unserem Körper erlauben, seiner Natur zu folgen, in seinen ursprünglichen Fluß zurückzukehren, nehmen wir großen Einfluß auf unsere Gesundheit.

Die Alexander-Technik löst viele Arten und Schmerzen und verhindert Krankheiten. Besonders hilfreich ist sie bei Rücken- und Nackenschmerzen, bei Funktionsstörungen der Gliedmaßen, bei Ischias und Hexenschuß, bei Migräne und Beschwerden, die von der Wirbelsäule herrühren. Auch bei Asthma, hohem Blutdruck und Verdauungsschwierigkeiten hat sie beachtliche Erfolge gezeigt.

Sie zielt auf eine von Grund aus gehende Erneuerung und Belebung. Der Körper entdeckt seine natürliche Beweglichkeit und findet zu neuer Lebenskraft, die den Altersprozess verlangsamt.

Und nicht zuletzt: Das innere Wohlbefinden verbessert sich spürbar. Lebenskraft und Lebensfreude nehmen zu.

Alexander-Technik und Darstellende Künste

Darstellende Künstler gehören zu den Menschen, die am ehesten ihre selbsterzeugten Grenzen spüren und unter ihnen leiden, weil sie sie in ihrer Schaffenskraft behindern.

Viele von ihnen nutzen die Alexander-Technik als ein Angebot, ihre Beweglichkeit zu schulen und zu verfeinern, als Weg, ihre Kunst zu vervollkommnen. Während viele andere erst dann nach Hilfe suchen, wenn sie schon krank sind, kommen diese Künstler zur Alexander-Technik, schon bevor eine Krankheit auftritt. Unter denen, die sich zum Lehrer an der „Alexandertechnik-Schule Armon, Berlin“ ausbilden, sind Musiker, Schauspieler, Tänzer und Sänger. Sie arbeiten hier an der Entfaltung dessen, was Alexander „the use of the self“ nannte, an der Entwicklung eines bewussteren und freieren Umgang mit dem „Selbst“ und seinen unerschöpflichen Möglichkeiten.

Die Alexander-Technik dient vor allem der Vorbeugung. Sie ist nutzbar für jeden Menschen, ob Mann oder Frau, der den Wunsch hat, seine natürliche Gesundheit so lange und so umfassend wie möglich zu erhalten. Aber nur wenige machen sich ihrer Möglichkeiten zunutze, bevor sie nicht selbst unter einer Krankheit leiden. Von der Alexander-Technik kann jeder profitieren, in besonderer Weise jedoch der Künstler und seine Kunst.

Dan Armon, 2002